Vorwort
Neue Zeiten, Neuzeit? Warum diese Bezeichnung? Warum die Verwechslungsmöglichkeit mit dem historischen Begriff riskieren? Genügt sie nicht, die Dreiteilung der Menschheitsgeschichte in Altertum, Mittelalter und Neuzeit? Warum eine neue Neuzeit? Ist die Polykrise schon ein Hinweis auf Zeiten- oder Epochenwende?
Nun, wir müssen feststellen, dass wir, zumindest was die Sprache betrifft, tatsächlich am Beginn einer neuen Epoche stehen. Sie ist gekennzeichnet von der weltweiten, gleichmachenden, stets verfügbaren und niemals vergessenden Kommunikation im Internet. Zu beobachten ist ein tief greifender Wandel im Lesen, Schreiben und Sprechen. Kommunikation gibt es dabei im Übermaß: ungeregelt, ungezügelt, drunter und drüber gehen die Meinungen und die Empörung darüber. Wörter sprudeln aus dem digitalen Raum: Netzjargon, Politsprache, Dummdeutsch, Denglisch, Neologismen; vieles davon geprägt von Protzerei und Verwahrlosung. So vieles an Lexik entsteht, dass mensch manches nicht mehr versteht. Ist er deswegen ungebildet, „uncool“, out of date?
Dieses Wörterbuch versammelt Begriffe und Wendungen, die ursprünglich auf sozialen Plattformen wie Mastodon oder Bluesky gesammelt, ausgewiesen, definiert und kommentiert wurden. Die ausgewiesenen Wörter repräsentieren sprachliche Auffälligkeiten und sind eng mit dem Netzjargon verbunden. Es sind sprachliche Torsionen, die im Netz geboren und von seinen Usern genährt oder sofort wieder zu Grabe getragen werden. Sie konnten sich dabei mitunter zu sprachlichen Monstern entwickeln. Einige von ihnen verschwinden rasch wieder im Orkus der Informationsflut.
Viele dieser sprachlichen Verwerfungen sind von der Sucht der sozialen Medien nach Authentizität, Aufmerksamkeit und Emotionalisierung genähert. Eva Menasse hat sie nach: 1)
„In der digitalen Sphäre dringt das Krasse, Übertriebene, das am meisten Kontroverse am stärksten durch, weil es technisch möglich und kapitalistisch am einträglichsten ist. Die Empörung ist jenes Gefühl, das die Menschen an ihren Geräten hält, sie begründet den wirtschaftlichen Erfolg der sozialen Medien. Nicht die Vernetzung, nicht die Informationsbeschaffung, schon gar nicht die Aufrechterhaltung von Freundschaften sind das stärkste Bindemittel, sondern die kontinuierlich genährte Empörung über die Zustände in der Welt.“
Wir haben es mit einer völlig neuen Art von Unwörtern zu tun, die sich grundsätzlich von den Begriffen des Unmenschen nach 1945 unterscheiden, ebenso wie vom Dummdeutsch im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts. Trotzdem steht dieses Wörterbuch in der Tradition ihrer Vorgängerinnen, die das Sprechen ………
Es ist ein Kauderwelsch (siehe Karl Kraus!)
TBC — geko 2025/11/30 13:45